Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Passionsspiele Erl

Antragsteller: Passionspielverein Erl
Bundesland: Tirol
Bereich: Darstellende Künste
Aufnahmejahr: 2013

Seit 400 Jahren finden in einem Zyklus von sechs Jahren die traditionellen Passionsspiele Erl statt, die ihren Ursprung in den christlichen Osterspielen haben. Trotz bereits international renommiertem Ruf und regem Zuschauerbesuch sind es insbesondere die EinwohnerInnen von Erl, die für die Bewahrung dieser traditionell christlichen Spiele eintreten. Es sind nicht professionelle SchauspielerInnen, sondern die BewohnerInnen der Ortschaft selbst, die regelmäßig auf der Bühne stehen. Die Rekrutierung der etwa 600 MitspielerInnen erfolgt ein Jahr vor der Aufführung. Mitglieder des Komitees gehen von Haus zu Haus und fragen die in Erl ansässige Personen, ob sie bei den Passionsspielen mitwirken möchten – ohne Anspruch auf eine bestimmte Rolle und unter Einbeziehung aller Generationen. Mit Bedacht auf den religiösen Hintergrund und den Wunsch der Mitwirkenden nach Kontinuität gehören Änderungen an Text, Musik und auch den Kostümen zur Weiterentwicklung und Aktualisierung der Aufführungspraxis.

Die Passionsspiele Erl entstanden in Folge des wiedererstarkten katholischen Glaubens nach den Glaubenskämpfen des 16. Jahrhunderts sowie in Dankbarkeit für Gottes Schutz vor Pest und Krieg. Der Text der Erler Passion stammt aus der Feder des bayrischen Meistersingers Sebastian Wild aus dem Jahre 1565, bereits einige Jahrzehnte später – im Jahr 1613 – berichten Wallfahrer aus Bayern von einem Osterspiel in Erl. Ursprünglich nur ein einfaches Osterspiel, kamen die Passionsspiele dennoch regelmäßig zur Aufführung. Obwohl der Text im Laufe des 19. Jahrhunderts immer wieder umgestaltet wurde – allen voran durch den Musiker, Dichter und Nagelschmied Jakob Mühlbacher – sind die wesentlichen Bestandteile des Spiels bestehen geblieben. Dokumentationen ab dem 19. Jahrhundert belegen den historischen Werdegang und die Bedeutung des Passionsspiels für die Bevölkerung von Erl – ältere, urkundliche Aufzeichnungen sowie die ersten Texte des Osterspiels sind bei den großen Bränden in den Jahren 1703/04, 1743/44 sowie 1809 vollständig vernichtet worden.

In seinem 400-jährigen Bestehen durchlief das Passionsspiel viele Veränderungen, beeinflusst vom Wandel der Zeit und geprägt von den Bedürfnissen der Menschen. Die Wichtigkeit der Spiele für die Gemeinde hat dafür Sorge getragen, dass die Tradition der Aufführung beibehalten wurde, obwohl die Passionsspiele im Laufe der Geschichte immer wieder mit der Gefahr einer Auflösung konfrontiert waren.

Aufgrund der Beliebtheit der Spiele wurde 1912 ein eigenes Festspielhaus erbaut, das jedoch 1933 völlig niederbrannte und erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut werden konnte. Nach dieser Unterbrechung wurden 1959 die Spiele wieder aufgenommen und bis heute in regelmäßigen Abständen zur Aufführung gebracht. Die Veränderungen in Text und musikalischer Begleitung, die bis zu diesem Zeitpunkt immer wieder vorgenommen wurden, versuchten dabei stets traditionelle Kontinuität mit der Anpassung an die Moderne in Einklang zu bringen, um nicht Gefahr zu laufen, als veraltet von der Bevölkerung abgelehnt zu werden.

Die Tatsache, dass Erl trotz der relativ geringen Einwohnzahl von 1450 Personen ein eigenes Festspielhaus sowie hunderte an Freiwilligen aller Berufs- und Altersgruppen, die sich an der Produktion beteiligen, besitzt, zeigt den Stellenwert der Passionsspiele. Laiendarsteller müssen nicht etwa ausgewählt oder rekrutiert werden, sondern entscheiden bei einer öffentlichen Befragung selbst, ob sie am Projekt mitwirken wollen oder nicht – ein Anspruch auf eine bestimmte Rolle ist dabei nicht möglich. Indem bereits Kleinkinder und VolksschülerInnen, sprich die jüngste Generation der Ortschaft, in kleinen Rollen in die Passionsspiele Erl miteinbezogen werden, wird die nachhaltige Verankerung der Tradition in der Bevölkerung gewährleistet.

Nach 5-jähriger Pause finden im Jahr 2013 wieder Passionsspiele statt. Von Mai bis Oktober werden 600 LaiendarstellerInnen 34 Aufführungen realisieren, zu denen mehr als 40.000 ZuschauerInnen erwartet werden. Im Hinblick auf Kontinuität und Moderne sind für 2013 entscheidende Veränderungen geplant, so hat z.B. Felix Mitterer einen neuen Text geschrieben, Musik, Kostüme und Bühnenbild werden zeitgemäß überarbeitet.

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