Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Lieder der Lovara

Antragsteller: Ruzsa Nikolić-Lakatos
Bundesland: Burgenland, Wien
Bereich: Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen
Aufnahmejahr: 2011

Lieder sind ein wichtiger Bestandteil der Kulturtradition der Lovara. Die Bezeichnung dieser Roma-Gruppe geht auf ihre frühere Haupterwerbstätigkeit zurück: „Lovara“ bedeutet „Pferdehändler“. Die Lieder handeln meistens von der Familie und der Gemeinschaft, aber auch die Rolle des Einzelnen und die frühere Lebensweise der Lovara spiegeln sich in ihnen wider. Zudem sind die Lieder ein „Speicher“ der Sprache, beinhalten sie doch für diese Romanes-Variante typische Phrasen, Metaphern, Sprechformeln oder auch nur einzelne Ausdrücke, die heute im alltäglichen Gebrauch kaum mehr (bzw. gar keine) Verwendung finden. Sie umfassen zwei Hauptgattungen – das langsame lyrische Lied sowie das Tanzlied. Es kommt aber auch immer wieder zu neuen Kreationen durch herausragende SängerInnen wie Mongo Stojka, Ceija Stojka und die Antragstellerin Ruzsa Nikolic-Lakatos.

Diese musikalische Tradition wird bis heute bei Familienfeiern und größeren Festen gepflegt. Darüber hinaus tragen Ruzsa Nikolić-Lakatos und ihre Familie auch bei Konzerten, Kultur- und Benefizveranstaltungen im In- und Ausland das traditionelle Repertoire vor. Damit möchten sie diese Musikrichtung auch einem neuen Publikum eröffnen. In fast allen europäischen Ländern (insbesondere in Mittel- und Osteuropa) sowie in Amerika werden Lovara-Lieder tradiert. Neben den Lovara praktizieren auch andere Roma-Gruppen diese Liedkultur, sie sprechen ähnliche Romanes-Varianten und gingen früher ebenfalls mobilen Berufen nach.

Die Herkunft der Roma aus Indien ist unbestritten, über die Entstehung und Entwicklung ihrer kulturellen Traditionen ist jedoch nur wenig bekannt. Vor etwa 150 Jahren wanderten die Lovara aus der Slowakei und Ungarn in das Gebiet des heutigen Österreichs ein, wo sie sich v.a. im Großraum Wien und im Burgenland ansiedelten. In Wien ist ihre Liedtradition bis heute lebendig und wird mündlich an die nachfolgende Generation weitergegeben.
Unter der nationalsozialistischen Herrschaft fielen die Lovara mehrheitlich dem Genozid zum Opfer. Besonders betroffen vom Völkermord war die älteste Generation, die für die Tradierung der Kultur und Sprache der Lovara von essentieller Bedeutung gewesen wäre. Die wenigen Überlebenden versuchten, sich in Wien eine neue Existenz aufzubauen.

Auch in der Nachkriegszeit waren die Lovara erheblicher Diskriminierung ausgesetzt, weshalb sie ihre Identität als Roma oftmals verschwiegen. In vielen Familien wurde Romanes nicht mehr als Muttersprache, sondern höchstens als marginales Sekundäridiom weitergegeben. Dies wirkte sich auch drastisch auf die ehemals reiche Erzählkultur der Lovara aus. Um die Liedkultur zu erhalten, wurden seit den 1960er Jahren Tonaufzeichnungen gemacht, die in Archiven und im freien Handel erhältlich sind. Die Romanes-Variante der Lovara wurde erst zwischen 1997 und 1999 in Österreich kodifiziert. Seitdem können die bislang nur mündlich tradierten Texte auch schriftlich weitergegeben werden.

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