Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Transhumanz – Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen

Antragsteller: Kulturverein Schnals; Verein Pro Vita Alpina Österreich
Bundesland: Tirol
Bereich: Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum
Aufnahmejahr: 2011

Die Transhumanz in den Ötztaler Alpen ist eine besondere Form des Schafwandertriebs. Die Wanderungen verlaufen über das Timmelsjoch (2494m), das Hochjoch (2885m) und das Niederjoch (3017m) und gelten als die einzige grenzüberschreitende Transhumanz in den Alpen, die über Gletscher führt. Dabei werden nicht nur klimatische, sondern auch Ländergrenzen überschritten. Jährlich werden im Frühsommer rund 5.000 bis 5.500 Schafe aus Südtirol in die Ötztaler Weidegebiete getrieben und im Herbst wieder zurückgetrieben. Das braune Tiroler Bergschaf und das Tiroler Steinschaf, beides gefährdete Schafrassen, sind hier heimisch.

Bei den Schaftrieben arbeiten insgesamt 70 bis 80 meist junge Männer und Frauen aus dem Schnalstal und Vinschgau als TreiberInnen. Beim Übertrieb über das Timmelsjoch ins Passeiertal sind es vorwiegend Männer aus Obergurgl, die diese Tätigkeit ausüben. Sie leben jährlich drei Monate lang in alten Schäferhütten im Ötztal. Die Treiber kann man an ihren traditionellen blauen Schürzen und ihren langen Bergstöcken aus Holz erkennen. Lockrufe wie etwa das „höörla leck leck leck“ hören, das für die Treiber aus dem Ötztal typisch ist.

Über viele Generationen hinweg haben sich verwandtschaftliche, soziale und kulturelle Beziehungen zwischen den Menschen „hüben und drüben“ entwickelt. Dies äußert sich nicht nur in gleichen Familiennamen, sondern auch in der (musikalischen) Volkskultur. Alte Rituale und Bräuche wie etwa das Festlegen der Weideplätze und die Zahl der Schafe, die Bezahlung oder der gemeinsame Kirchgang vom dem Übertrieb werden bis heute ausgeübt. Durch die Schafe entstand eine gemeinsame regionale Identität, bei der die unterschiedliche Staatenzugehörigkeit der Beteiligten als sekundär erachtet wird.

Aus der Ur- und Frühgeschichtsforschung ist inzwischen gesichert, dass es die Schaftriebe über die zum Teil vergletscherten Jöcher seit mindestens 6000 Jahren gibt. Nachgewiesen wurde auch, dass Teile der Kleidung des Ötzi aus Schafwolle hergestellt wurden, und dass das Tisenjoch (3200m), wo man ihn fand, immer wieder als Übergang bei den Schaftrieben benützt wurde.

Durch die sachgerechte Beweidung leisten die SchäferInnen bis heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts in ihren Gebieten. Sie wissen, wie viele Schafe einen „Schafberg“ beweiden dürfen und wann mit einer Unter- bzw. Überbeweidung zu rechnen ist. Sie kennen die Problematik des Klimawandels, dessen Folgen insbesondere im vergletscherten Hochgebirge deutlich spürbar ist, sowie die Auswirkungen des Permafrosts.

Baumaßnahmen im Zusammenhang mit dem Wintertourismus stellen immer wieder eine Gefährdung für die Transhumanz dar, da dadurch die Weidegebiete der Schafe zum Teil zerstört werden.


Zurück