Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Pecherei in Niederösterreich

Antragsteller: Ernst Schagl i.V. Arbeitsgemeinschaft niederösterreichische Pecherstraße
Bundesland: Niederösterreich
Bereich: Traditionelle Handwerkstechniken
Aufnahmejahr: 2011

Unter der Pecherei versteht man ein seit Jahrhunderten übliches Handwerk, welches der Gewinnung von Harz von Föhrenbäumen dient. Der Stamm des Baumes wird oberflächlich verwundet, um so den Harzfluss künstlich anzuregen. Das gewonnene Harz, auch Pech genannt, wird in Raffinerien und Siedereien zu Terpentinöl und Kolophonium verarbeitet. Diese Zwischenprodukte waren bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage zur industriellen Erzeugung von Papier, Lacken, Farben, Seife und vielen anderen Produkten.

Das Pechergewerbe hat über Jahrhunderte die Landschaft, Wirtschaft und Kultur der Region des südöstlichen Niederösterreichs nachhaltig geprägt. Einst bildete es die Lebensgrundlage tausender dort ansässiger Familien. Gegenwärtig gibt es nur noch acht aktive Pecher in Österreich. Sie liefern ihr Harz an Richard Schreieck, der die letzte eigenständige Pecherei Mitteleuropas in Hernstein im Bezirk Baden führt.

Die Pecherei bildete für tausende Familien im südöstlichen Niederösterreich über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Einnahmequelle und ist bis heute in den Bezirken Mödling, Baden, Wiener Neustadt und Neunkirchen anzutreffen. Eng verknüpft ist sie mit dem Vorkommen von Föhren, insbesondere Schwarzföhren. Das Verbreitungsareal dieser Föhrenart erstreckt sich von der Stadtgrenze Wiens bis ins Wechselgebiet und die Ebene des Steinfeldes, wobei viele Flächen künstlich angelegt wurden. Es handelt sich um das größte und am nördlichsten gelegene Verbreitungsgebiet in ganz Mitteleuropa.

Das Handwerk wird von einer an die nächste Generation innerhalb des Familien- und Freundeskreises mündlich weitergegeben. Schriftliche Quellen sind kaum zu finden. Seit ihrer Gründung nimmt auch die Arbeitsgemeinschaft Niederösterreichische Pechstraße, eine Interessensgemeinschaft aller an der Erhaltung der Pecherei interessierten Personen und Institutionen, eine wichtige Rolle für die Bewahrung des Elements ein.

Die Pecherei ist seit dem Mittelalter direkt oder indirekt belegt, beispielsweise über Flurnamen, und erfuhr ab dem 18. Jahrhundert eine spezielle Förderung. Durch die verstärkte Anpflanzung von Föhrenbäumen bekam das Handwerk weiteren Auftrieb. Auch wenn die Arbeitstechniken seit Jahrhunderten nahezu unverändert geblieben sind, kamen immer wieder neue Elemente hinzu. Im Laufe der Zeit entstanden vielfältige mit der Pecherei in Zusammenhang stehende Traditionen wie zum Beispiel die Abhaltung von Dankmessen für den Patron der Pecher, den heiligen Vinzenz (22. Jänner), Lieder über die Pecherei oder Brauchtumsveranstaltungen wie Pecherfeste und Pecherkirtage. Teilweise werden diese Traditionen auch heute noch gepflegt. In letzter Zeit bemüht man sich verstärkt um eine Hebung der Wertschätzung und des Interesses der Bevölkerung für das jahrhundertealte Pechereigewerbe. Im Rahmen von waldpädagogischen Ausgängen und Schauvorführungen soll vor allem das Bewusstsein der Kinder und Jugend für dieses Handwerk geschärft werden.

Da es heute nur noch acht Pecher in Österreich gibt, bilden diese eine kleine Gemeinschaft, die sich stark mit der Pecherei identifiziert. Das heute in Österreich gewonnene Pech wird mit den gleichen traditionell überlieferten Arbeitstechniken wie schon vor Jahrhunderten erzeugt.

Die Schwarzföhre prägt das kulturlandschaftliche Bild des südlichen Niederösterreichs. Der Erhalt der Pecherei trägt daher auch zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. Die Produkte der Pecherei waren und sind ein wichtiger Bestandteil der Volksmedizin.

Zum Niedergang der Pecherei kam es seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Viele Betriebe konnten der starken Konkurrenz durch Billigimporte und kostengünstigere heimische Produkte aus Mineralöl nicht standhalten und mussten zusperren. Heute gibt es nur noch acht Pecher in Österreich und einen einzigen verarbeitenden Betrieb. Diese soll 2017 noch einmal durch den Sohn des aktuellen Besitzers übernommen werden. Der weitere Fortbestand der Pecherei für kommende Generationen ist jedoch nicht gewährleistet, da sie sich rein wirtschaftlich kaum rentiert. In vielen anderen Regionen Europas ist die Pecherei bereits ausgestorben.

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