Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Österreichische Volkstanzbewegung

Antragsteller: Dr. Helmut Jeglitsch, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz
Bundesland: Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Wien
Bereich: Darstellende Künste
Aufnahmejahr: 2011

Die österreichische Volkstanzbewegung wurzelt in der Forschung und Sammeltätigkeit einiger Persönlichkeiten des ausklingenden 19. Jahrhunderts und nahm Anleihen aus ländlichen oft nur noch in Resten erkennbaren Traditionen. Gleichzeitig mit der Systematisierung und Aufzeichnung der verschiedenen Tänze begann auch die Ausrichtung auf österreichische Besonderheiten. Die Tänze wurden jedoch nicht nur gesammelt und für die Nachwelt gesichert, sondern auch wieder verstärkt gelehrt und somit vor dem Aussterben bewahrt.

Im Mittelpunkt des Selbstverständnisses des österreichischen Volkstanzes stehen jedoch nicht Auftritte professioneller Gruppen, sondern das gemeinsame Tanzen unterschiedlicher Altersgruppen und Könnensstufen. Besonders hervorzuheben ist die Herausbildung eines Kanons österreichischer Grundtänze, die in ganz Österreich und Südtirol Eingang in das Tanzrepertoire fanden. Die Tanzveranstaltungen der österreichischen Volkstanzbewegung folgen üblicherweise einem vorgegebenen Ablauf vom Auftanz über die Tanzfolge bis zum Schlusskreis.

Die traditionelle Tanzkultur ist in vielen Regionen Österreichs und Südtirols bis heute lebendig und bildet somit einen Bestandteil des nationalen Kulturerbes. Ebenso lassen sich Ausstrahlungen der österreichischen Tanzkultur nach Bayern sowie auch weltweit in Gemeinschaften mit Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund feststellen. Tanzgelegenheiten bieten bis heute die einzelnen Volkstanzgruppen und Volkstanzkreise in allen Bundesländern.

Als Begründer der Tradition der Sammlung und Systematisierung der (deutsch)-österreichischen Tänze gilt Raimund Zoder (1882-1963), der nicht nur die Volkstänze mit Hilfe einer normierten Aufzeichnungstechnik dokumentierte, sondern zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch geeignete Tanzmusik sammelte. Von Anfang an wurden sowohl die Ausbildung der Tanzmusiker als auch die Bereitstellung von festlicher Kleidung in Form von Trachten gefördert. Aus dem Erbe Zoders entstand die österreichische Volkstanzbewegung, eine eigene und sehr lebendige Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben und weiterentwickelt wird.

Die heutige Volkstanzkultur ist ein vorwiegend urbanes Konstrukt des ausklingenden 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, das seine Anleihen aus ländlichen Traditionen nahm. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz führt laufend Projekte durch, die einerseits die Aufarbeitung der Geschichte des Volkstanzes, andererseits die kreative Weitergabe des Volkstanzes speziell an junge Menschen zum Ziel haben. In diesem Zusammenhang werden auch Fortbildungskurse für Tanzleiterinnen und Tanzleiter angeboten. Zur unentbehrlichen Grundlage der österreichischen Volkstänze zählen der Walzer und die Polka. Sie schlagen die Brücke zu den sonst in Österreich gepflegten Gesellschaftstänzen. Um ein Beispiel zu geben: Der jährlich knapp vor Beginn der Adventszeit stattfindende Wiener Kathreintanz mit regelmäßig mehr als 800 TeilnehmerInnen und Teilnehmern stellt mit seinem Untertitel „Der Ball der österreichischen Tänze“ eine Verbindung zur städtischen Ballkultur her.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz befasst sich mit der Dokumentation, Verbreitung, Weitergabe und Entwicklung des österreichischen Volkstanzes. In ihrem Vorstand sind alle Bundesländer Österreichs sowie Südtirol vertreten. In den einzelnen Bundesländern und Regionen selbst gibt es zahlreiche Vereine und andere Gemeinschaften, die Tanzabende, Tanzproben, Volkstanzfeste und Fortbildungskurse veranstalten.

Durch gegenseitige Besuche von Tanzgruppen sowie durch die Organisation internationaler Feste wurden und werden zahlreiche geographisch weitreichende Verbindungen geschaffen und gepflegt. Das gemeinsame Tanzen verschiedener Altersstufen hat einen Generationen verbindenden Effekt.

Die Vielgestaltigkeit des Volkstanzes ist laut dem Antragsteller durch verschiedene Entwicklungen bedroht und in ihrem Fortbestehen gefährdet: durch das Einfrieren und damit Musealisieren eines bestimmen Volkstanzbildes, durch die Instrumentalisierung des Volkstanzes für die Interessen von Tourismus, Politik, Wirtschaft sowie Regionalismus, durch mögliche zunehmende Perfektionierung und Professionalisierung oder durch eine mögliche Ausrichtung auf Leistung und Wettbewerb. Auch reduzierende Darstellungstechniken in den Massenmedien können zu einer verzerrten oder auf nur wenige Aspekte eingeschränkten Wahrnehmung der Volkstanzbewegung in den Augen der Bevölkerung führen.

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