Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Perlåggen in Tirol

Antragsteller: : Institut für "ALPENLÄNDISCHE TRADITIONSKARTENSPIELE -Watten, Bieten,Gilten und Perlaggen", Telfs - NOAFLHAUS, Hubert Auer (Vorstand), Telfs. Bernhard Moll, Imst und Peter Blaas, Mieming.
Bundesland: Tirol
Bereich: Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste

Perlåggen ist ein Kartenspiel, das heute vor allem in Tirol gespielt wird. Zwei Teams aus meist zwei Personen sitzen einander gegenüber, versuchen sich mittels verbalen und nonverbalen Geheimzeichen auszutauschen und möglichst viele Punkte zu gewinnen. Gespielt wird mit 33 Spielkarten mit deutschen Farbzeichen (Eichel, Laub, Schell und Herz), wobei je nach Ort und Situation bis zu acht Karten als ‚Perlågg‘ festgelegt werden, die eine Sonderfunktion erhalten. Flunkern und Täuschen sind wichtige Elemente des Spiels. Auch das sogenannte ‚Perlågger-Latein‘ oder ‚Kårter-Sprech‘ kommt zum Einsatz und hält eigene Bezeichnungen für bestimmte Spielzüge, spezielle Karten und das Loben und Tadeln von Spielverhalten bereit. Perlåggen wird unabhängig von Alter, Stand und Geschlecht vor allem in Gasthäusern und Privathaushalten gespielt. Jährlich finden lokale Turniere statt und seit einigen Jahren wird abwechselnd in Süd- und Nordtirol eine Gesamttiroler Perlåggermeisterschaft ausgetragen.

Die Anfänge des Perlåggens lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Das Spiel hat sich u.a. aus dem Giltspiel heraus entwickelt. 1833 wurden Perlåggen-Spiele erstmals schriftlich erwähnt. Die Bezeichnung Perlåggen stammt wahrscheinlich aus der Salurner Gegend. ‚Berlicche‘ bezeichnet dort den Teufel, der sich – genau wie die Perlågger-Karten – in jede passende Form verwandeln kann. Je nach Ort gibt es unterschiedlich viele Perlågger-Karten und Spielregeln. Bereits 1890 gab es beim Perlåggerkongress in Innsbruck Bestrebungen die Spielregeln zu vereinheitlichen, die allerdings bis heute scheiterten. Die Spielgemeinschaft hat sich geeinigt, dass der jeweilige Spielort entscheidet, welche Regeln beim gemeinsamen Spiel gelten.

Die SpielerInnen eint der Tiroler Dialekt, der mit seinen Spezialausdrücken für das Perlåggen von großer Bedeutung ist. Besondere Ausdrücke u.a. für spezielle Spielkarten, Spielzüge, Lob oder Hohn oder die Einschätzung der gegnerischen Position werden auch als „Kårter-Sprech“ oder „Perlågger-Latein“ bezeichnet. Gespielt wird hauptsächlich zu viert, wobei sich zwei Teams kreuzweise gegenübersitzen. Dabei ist beim Bieten (Lizitieren) Schauspielkunst gefordert, etwa die Fähigkeiten zum Täuschen und Bluffen. Der Austausch innerhalb der Teams erfolgt möglichst geheim, sowohl verbal als auch nonverbal, meistens durch die überlieferten Signale mittels Finger, unauffälligem Schulterzucken und heimlichen Augen- und Mundbewegungen. Ein Hauptgrund für die Beliebtheit des Spieles ist das „Plodern“, das Plaudern, das Reden und Deuten, das Flunkern und Täuschen - ob um den Partner zu informieren oder die Gegner irrezuführen – alle vielfältigen Formen der Kommunikation in Verbindung mit Spielstrategie und Psychologie vermitteln den SpielerInnen ein Gefühl von Identität.

War Perlåggen früher hauptsächlich ein Spiel der Oberschicht, kann man heute Spieler und Spielerinnen quer durch alle Bevölkerungsschichten finden. In Kematen, Imst und Tarrenz werden noch einmal jährlich Meisterschaften abgewickelt. Jene in Imst und Tarrenz werden „Perlåggerball“ genannt, obwohl heute mit einem Ball keinerlei Ähnlichkeit mehr besteht. Der Sieger in Tarrenz heißt „Perlåggerkaiser“, der Gewinner in Imst erhält zwar nur den Titel „Perlåggerkönig“, dafür aber auch Insignien Krone, Zepter und Purpurmantel.


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