Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Zachäussingen in Zirl

Antragsteller: Marktgemeinde Zirl
Bundesland: Tirol
Bereich: Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste

Das Zachäussingen in Zirl ist ein Kirchtagsbrauch, der am dritten Sonntag im Oktober ab 4:30 Uhr früh begangen wird. Die Besonderheit ist neben der Uhrzeit vor allem die Verbindung von religiöser und weltlicher Praxis. Jährlich versammeln sich etwa 200 Menschen am Platz vor der Kirche und stimmen gemeinsam mit musikalischer Umrahmung durch den Kirchenchor und einer Bläsergruppe das Zachäuslied an, das im 18.Jh. von einem Zirler Messner geschrieben wurde und von Buße und Reue handelt. Von der Kirche aus gehen sie gemeinsam zum nahegelegenen Dorfplatz. Dort ist das Zachäuslied ein zweites Mal zu hören, bevor der weltliche Teil des Kirchtags beginnt. MusikantInnen spielen auf und es wird auf den Straßen getanzt. PfadfinderInnen und Jungschargruppen stellen Kirchtagskrapfen zur Verfügung, die sie gemeinsam am Vorabend herstellen. Das Zachäussingen hat gemeinschaftsfördernden Charakter. Schon in die Vorbereitung sind viele Personen und Vereine involviert. Der Brauch an sich fungiert als bindendes Glied in der - bedingt durch die Nähe zu Innsbruck - stetig wachsenden Gemeinde und verbindet Zugezogene mit Einheimischen.

Erste Hinweise auf das Zachäussingen gehen auf das frühe 18. Jahrhundert zurück. Das Lied, das 1723 vom Messner Georg Kranebitter geschrieben wurde, bezieht sich auf den aus dem Neuen Testament bekannten Zachäus. Er gilt als Prototyp für Reue und Sühne und steht für die Bereitschaft das weltliche, ‚bequeme‘ Leben zugunsten der christlichen Nächstenliebe und der 10 Gebote aufzugeben. Überlieferungen aus Zirl lassen ahnen, dass das Lied geschrieben wurde, um die damalige Bevölkerung für diese Lebensart zu animieren. Genaueres über die Entstehung des Liedes ist nicht bekannt. Es wurde zwar auch in anderen Orten Österreichs gesungen, ist heute aber nur mehr in Zirl und im südtirolerischen Enneberg zu hören.
In Zirl übernimmt der örtliche Kirchenchor seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Zachäussingen. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr Vereine und Gruppen in die Praktik eingebunden. Heute gestalten neben dem Kirchenchor auch die Bläser des örtlichen Musikvereins, der Zirler Pfarrer, die MinistrantInnen und Jungschargruppen, die PfadfinderInnen sowie Volkschulkinder und deren Lehrerinnen das Zachäussingen mit. Der Ablauf blieb im Wesentlichen erhalten, wurde aber immer wieder durch passende Elemente erweitert: so basteln beispielsweise die Volkschulkinder Kirchtagsfähnchen, führen mit ihren LehrerInnen einen Tanz vor, ein Zachäusfeuer wird entzündet und PfadfinderInnen verteilen nach dem Singen am Dorfplatz kostenlos Kirchtagskrapfen.
Die Kombination von Ernst und Freude, religiöser und weltlicher Praxis ist wesentlicher Bestandteil des Zachäussingens.


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