Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Wissen um traditionellen Samenbau und Saatgutgewinnung

Antragsteller: Verein ARCHE NOAH
Bundesland: Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Wien
Bereich: Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum
Aufnahmejahr: 2014

Jede Kultur hat spezifische Arten und Sorten als Nahrungspflanzen hervorgebracht und das Wissen und die Techniken haben sich den Ernährungsgewohnheiten und den klimatischen Voraussetzungen angepasst. BäuerInnen und GärtnerInnen haben durch gezieltes Anbauen, Pflegen, Auswählen, Nutzen und Vermehren eine enorme Vielfalt geschaffen. Das Wissen um Samenbau, Samenernte, Selektion, Reinigung und Lagerung wurde und wird in Familien, aber auch in Gemeinschaften von Generation zu Generation weitergegeben. Die bestens an die regionalen Bedingungen angepassten Hof- und Lokalsorten sind nicht nur Ernährungsgrundlage von Familien, Gemeinschaften und Regionen, sondern schaffen innerhalb dieser auch gemeinsame Identität. So sind etwa der Lungauer Tauernroggen, die Wildschönauer Krautingerrübe oder der Vorarlberger Riebelmais unmittelbar mit lokalen Produkten bzw. Gerichten verbunden.

Traditionellen Samenbau und Saatgutgewinnung gibt es in allen landwirtschaftlich und gärtnerisch genutzten Gegenden. Je nach Region sind Sorten, Methoden und Techniken unterschiedlich ausgeprägt. Bis vor 150 Jahren gab es keine Trennung zwischen BäuerInnen und ZüchterInnen. Die Produktion von Lebensmitteln und von Saatgut war an einem Ort und in einer Hand gebündelt. Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen beeinflussten die Lebens-, Koch- und Essgewohnheiten. In der Landwirtschaft bildete und bildet sich mit der zunehmenden Industrialisierung und Rationalisierung die Kulturpflanzenvielfalt stark zurück, doch das Wissen um traditionellen Samenbau und Saatgutgewinnung wurde und wird von lokal wirtschaftenden BäuerInnen und GärtnerInnen weitergetragen. BäuerInnen und GärtnerInnen haben durch gezieltes Anbauen, Pflegen, Auswählen, Nutzen und Vermehren eine enorme Vielfalt geschaffen: Sie entdeckten dürreresistente Hirsen, kultivierten schnell und langsam keimende Kartoffeln, dickwurzelige Pastinaken, backfähiges, geschmackvolles Getreide, feines Gemüse, scharfe Gewürze. Viele der in Kultur genommenen Pflanzen hätten in „freier Wildbahn“ nicht überlebt. Heute noch erhalten sie – also säen, pflegen und ernten – in ihren Gärten und auf ihren Äckern mit speziellen Techniken und speziellem Wissen die Kulturpflanzenvielfalt. Die Sorten sind an lokale Standortbedingungen, wie z.B. Hitze, langanhaltende Trocken- und Schneeperioden oder hohe UV-Einstrahlung im Berggebiet angepasst und liefern im Gegensatz zu angestrebten Höchsterträgen der professionellen Pflanzenzüchtung unter weitestgehend standardisierten Anbaubedingungen somit eine kalkulierbare Ertragssicherheit. Jedoch ist Saatgut vergänglich und verliert innerhalb weniger Jahre seine Keimfähigkeit. Daher ist es unumgänglich, dass Lokalsorten ständig vermehrt – sprich erneuert – werden. Basis für die Erhaltung der Lokalsorten ist das bäuerliche und gärtnerische Erfahrungswissen, das in etlichen Gemeinschaften erhalten wird, wobei der Verein Arche Noah als zentrale Institution in Österreich rund 4500 Sorten von 160 GärtnerInnen vermehrt, nutzt und für die Weitergabe zur Verfügung stellt.


Zurück