Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Heiliggrab-Bruderschaft Pfunds

Antragsteller: Heiliggrab-Bruderschaft Pfunds, Prof. Robert Klien
Bundesland: Tirol
Bereich: Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste
Aufnahmejahr: 2013

Seit mehr als 500 Jahren existiert die „Heiliggrab-Bruderschaft“. Sie hat sich das Aufstellen des Heiligen Grabes in der Liebfrauenkirche in Pfunds am Samstag vor dem Palmsonntag sowie die ununterbrochene Anbetung des Allerheiligsten von Karfreitag bis Karsamstag zur Aufgabe gemacht. Grabbruder zu sein ist eine hohe Ehre und diese Funktion wird ohne Unterscheidung in Stand, Bildung, Ansehen oder Vermögen von Generation zu Generation weitergegeben. Seit jeher ist diese Laien-Bruderschaft unabhängig von Kirche und Gemeindeverwaltung. Sie umfasst 12 Gruppen zu je 16 Männer und bindet Frauen und Jugendliche in das Brauchtum mit ein.

Die Heiliggräber gehen in ihrem Ursprung auf die Grabstätte Christi in Jerusalem zurück, die unter Kaiser Konstantin im Jahre 326 entdeckt und baulich ausgestaltet wurde. Unter dem Einfluss von Pilgerfahrten ins Heilige Land und den Kreuzzügen verbreiteten sich Nachbildungen des Heiligen Grabes in ganz Europa. Die Heiliggrab-Bruderschaft selbst wurde 1511 in Pfunds im Bezirk Landeck (Nordtirol) gegründet, vom Papst bestätigt und den Mitgliedern nach Empfang der Sakramente der Buße und des Altars ein vollkommener Ablass verliehen. Gleichzeitig blieb die Grabbruderschaft jedoch seit jeher eine von Katholischer Kirche wie Gemeindeverwaltung unabhängige Laien-Gemeinschaft. Über die Jahrhunderte hinweg wurde das Heilige Grab zwar mehrfach erneuert, zwischen 1960 und 1979 fehlte es sogar ganz, doch nicht einmal die Widrigkeiten der beiden Weltkriege konnten je verhindern, dass die Grabbrüder ihren Aufgaben der Anbetung nachkamen. 1895 mussten die Gebetsgruppen durch den regen Andrang sogar von 12 auf 16 Mann pro Gruppe aufgestockt werden, seit der Neugestaltung des Heiligen Grabes 1979 erfreut sich die Grabbruderschaft abermals einem Zulauf.
Jedes Jahr baut eine der 12 Gruppen am Samstag vor dem Palmsonntag das Heilige Grab in der gotischen Liebfrauenkirche in Pfunds auf und am Samstag vor dem Weißen Sonntag (dem Sonntag nach Ostern) wieder ab. Diese ehrenvolle wie anspruchsvolle Aufgabe – drei sich nach hinten verjüngende Kulissenbögen müssen aufgestellt, befestigt und mit 57 mit farbiger Flüssigkeit gefüllten Glaskugeln für die Öllämpchen geschmückt werden – wird durch Rotationsprinzip alle 12 Jahre einer der Gebetsgruppen zu Teil. Zudem übernimmt die jeweils ausgewählte Gebetsgruppe für dieses Jahr auch noch die anderen Aufgaben wie z.B. das Tragen des Baldachins, der Laternen und der Grabbrüderfahne bei der feierlichen Prozession. Alle Grabbrüder finden sich von Karfreitag 15 Uhr bis Karsamstag 15 Uhr abwechselnd in der Kirche ein, um ihren zwei Gebetsstunden – z.B. 16-17 Uhr abends und 4-5 Uhr morgens – nachzukommen und so eine ununterbrochene Verehrung des Altarsakraments zu gewährleisten. Der Wechsel erfolgt dabei pünktlich zu jeder vollen Stunde.
Der Tradition folgend wird der Sakramentsrosenkranz gebetet, in den letzten Jahren wurden aber auch modernere, besinnliche Texte eingebaut. Mitgebrachtes Gebäck und Ostereier werden nach der eigens gefeierten „Kinderstunde“ geweiht. Die Tatsache, dass sich auch zahlreiche andere Gläubige, allen voran die Familien und Verwandten der Grabbrüder, zu verschiedenen Stunden in der Kirche einfinden, zeigt die Bedeutung des Brauchtums in der Region.
Grabbruder zu sein ist eine ehrenhafte Aufgabe, die von Generation zu Generation – also von Vater zu (Schwieger-)Sohn, oder von Onkel zu Neffe – weitergegeben und mit Stolz getragen wird. Eine Neuaufnahme ist nur Christen möglich, Höchstalter gibt es keines, der frühe Tod des Vaters macht den Eintritt für Jugendliche auch ab 14 Jahren möglich. Stand, Ansehen, Beruf, Alter, Vermögen oder Bildung spielen bei der Mitgliedschaft keine Rolle, jeder hat in der Gemeinschaft gleiche Rechte und Pflichten. Ein Bruderschaftsmeister wird von den Mitgliedern in einer Jahreshauptversammlung auf unbestimmte Zeit gewählt, kann diese jedoch wieder ablegen oder abgesetzt werden.
Trotz ihrer ausschließlich männlichen Zusammensetzung spricht die Bruderschaft die gesamte Ortsbevölkerung an – Frauen können zwar derzeit noch nicht Mitglieder werden (auch wenn es bereits Überlegungen in diese Richtung gibt), wirken aber in kleineren und größeren Gruppen u.a. durch Mithilfe beim Schmücken des Heiligen Grades oder durch Nähen neuer Grabbrüdermäntel aktiv bei der Grabbruderschaft mit. Ansehen genießt die Bruderschaft bei Einheimischen wie Gästen dabei nicht nur durch ihre Tätigkeiten der Anbetung, sondern auch durch ihr ganzjährliches, soziales Engagement und die breite Öffentlichkeitsarbeit innerhalb der Gemeinde.
Da die Heiligen Gräber in den letzten 20 Jahren wieder eine Renaissance erleben und vermehrt renoviert und aufgestellt werden, holen sich viele Gemeinden der Region Anleitungen und Informationen bei der Heiliggrab-Bruderschaft in Pfunds, was das Brauchtum als Teil der regionalen Identität weiter in der Gesellschaft verankert.


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