Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich

Rudentanz in Sierning

Antragsteller: Rudenkomitee Sierning
Bundesland: Oberösterreich
Bereich: Darstellende Künste
Aufnahmejahr: 2013

Bis ins 20. Jahrhundert war der Ländler als ein „Tanz für alle“ speziell im süddeutschen Sprachraum, aber auch darüber hinaus, verbreitet. Im Traunviertel wird eine ganz spezielle Form des Ländlers bis heute von den so genannten „Ruden“ – althochdeutsch „roti“, also „Rudel“ – überliefert. Diese meist bäuerlichen Jungmännerbünde pflegten neben den brauchtümlichen Handlungen im Jahreslauf vor allem den mehrstimmigen Gesang, welcher eine wichtige Voraussetzung für die Bewältigung eines Traunviertler Landlers, dem Kernstück des Rudentanzes, darstellt. Seit 200 Jahren wird am Faschingsdienstag der Sierninger Rudenkirtag abgehalten, an dem die Traunviertler Ruden (Gruppen von ca. vier bis acht Tanzpaaren) zusammen kommen und ihren Landler darbieten. Neben Musik und Tanz wird dabei ein besonderes Augenmerk auf die jährlich neugedichteten Gstanzln (gesungene achtzeilige Reime) gelegt, die durch ihre spöttischen sowie kritischen Anspielungen auf lokale, nationale, globale politische so wie auch gesellschaftliche Ereignisse als „moralisches Korrektiv“ dienen.

Das Alter des Sierninger „Rudenkirtags“ (Rudenkirchtags) am Faschingsdienstag, in dessen Zuge der Rudentanz entstand, ist unbekannt. Erzählt wird, dass bereits Kaiser Karl VI nach einer Jagd dem Tanz im Jahr 1732 beigewohnt haben soll, andere mündliche Überlieferungen sprechen von den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Während der erste schriftliche Nachweis in Form eines Zeitungsartikel aus dem Jahr 1922 stammt, ist anzunehmen, dass der Rudentanz schon viel länger existierte und einst vom einfachen Volk aus den höfischen Schreittänzen abgeleitet und durch Elemente wie Reigen, Rundtänze und einer offeneren Haltung bereichert wurde.

Seine heute gängige Praxis mit besonders markanten Eigenschaften erreichte der Rudentanz – respektive der dort gepflegte „Traunviertler Landler“ – im Jahre 1947: Das Hinneigen vom ungeraden ¾-Takt zum geraden 2/4-Takt, die acht- statt vierzeiligen Tanzlieder sowie die Pflege des mindestens vierstimmigen Gesangs auch während schwieriger Tanzfiguren. Dabei folgt der Rudentanz meist einem sehr strengen Ablauf, bei dem beispielsweise der erste Durchgang immer stumm getanzt wird, um die Darstellung des Tanzes selbst in den Mittelpunkt zu rücken oder in der letzten Strophe oft die Musikanten spöttisch angesungen werden, um das Ende des Tanzes zu markieren – Abweichungen von den Regeln hängen dabei von den einzelnen Gruppen ab.

So treffen sich seit mindestens 200 Jahren die Ruden am Faschingsdienstag in Sierning, um nach gemeinsamen Kirchgang in den Räumlichkeiten des Forsthofes und Pfarrsaales den Brauch des Rudentanzes zu feiern: Seit 1946 werden vom Rudenkomitee jedes Jahr 10 – 12 Gruppen (bestehend aus ca. 10 Personen) aus dem Traun- (OÖ) und Mostviertel (NÖ) eingeladen, in traditioneller Weise den Traunviertler Landler in all seinen örtlichen Variationen zu tanzen und singen und in spöttischen oder kritischen Achtzeiler-Gstanzln von den Ereignissen aus Politik und Alltag zu erzählen. Das Vortragen der mehrstimmigen Gstanzl ist dabei ausschließlich den Männern vorbehalten, die für jeden Kirtag-Auftritt neue Gstanzln verfassen – das Material dafür wird das ganze Jahr über gesammelt. Neben den Gstanzln werden aber auch anderes Volksliedgut oder liturgische Gesänge von den Gruppen einstudiert, da viele Ruden auch auf Hochzeiten, Heimatabenden oder kirchlichen Festen auftreten.

Als gewachsener Brauchtum ist der Rudentanz noch heute fest in der Bevölkerung verankert – die Weitergabe der Tradition erfolgt durch engagierte, aktive RudentänzerInnen, die den neuen Gruppen ihre Versionen des Traunviertler Landlers vermitteln. So ist es kein Wunder, dass es auch in den letzten Jahren immer wieder zu Neugründungen junger Ruden kam – so bestand beispielsweise die „Waldneukirchner Lausa-Rud“, die erstmals am Kirtag im Februar 2010 auftrat, ausschließlich aus 10 – 14-jährigen Buben. Dies zeigt, wie erfolgreich die Werbung – vor allem für den traditionellen 4-stimmigen Männergesang des Landlerlieds – und Nachwuchsarbeit von den alteingesessenen Ruden betrieben wird. Zum Rudenkirtag selbst werden jedes Jahr viele Volkstanz- und Schuhplattlergruppen eingeladen, um auch unter ihnen Interesse für den Rudentanz zu wecken.


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